“Das OTC-Casino im 1. Halbjahr 2009″

Die Bank for International Settlements (BIS), welche als Bank der Zentralbanken fungiert, teilt in ihrem von den Medien weitgehend unbeachteten Derivate-Halbjahresbericht 2009, die neuesten Daten zum Casino der unregulierten Over-the-Counter-Finanzwetten mit. Die Lust auf Spekulation geht ungebremst weiter, das ausstehende nominale Wettvolumen der Derivate wuchs im 1. Halbjahr 2009 um +10,5% im Vergleich zu Ende 2008, auf 604,622 Billionen Dollar.

> Die Entwicklung der ausstehenden nominalen fiktiven Finanzwetten seit dem 2. Halbjahr 1998 mit 80,311 Billionen Dollar bis zum 1. Hj. 2009 mit einem ausstehenden Derivate-Volumen von 604,622 Billionen Dollar. <

Beim Handel mit Credit Default Swaps (CDS), ob nun als Absicherung gegen potentielle Verluste aus Krediten, oder als Spekulation auf Zahlungsausfälle, kam es zum zweiten Mal in Folge, zu einer Schrumpfung des Marktes um -14% im Vergleich zu Ende 2008. Die riskanten Kreditderivate (durch das Counterparty Risk – dem Ausfall einer Gegenpartei) haben Stand 1. Hj. 2009, ein ausstehendes Volumen von 36,046 Billionen Dollar! Die International Swaps and Derivatives Association (ISDA) gab in ihrem Halbjahresbericht das ausstehende Volumen der CDS mit 31,223 Billionen Dollar an.

> Die Entwicklung des nominalen spekulativen Volumens der Kreditderivate. Zum Hoch mit einem nominalen Wettvolumen von 58,244 Billionen Dollar im 2. Hj. 2007, ist das Volumen um deutliche -38,11% auf 36,046 Billionen Dollar gefallen, nach den Daten der BIS. <

Mit einem Volumen von nominalen 437,198 Billionen Dollar tragen die Zins-Derivate in der Gesamtbilanz des OTC-Marktes den größten Anteil und steigen im Vergleich zu Ende 2008 um +13,3%.

Es folgen die Devisen-Derivate mit einem Volumen von 48,775 Billionen Dollar, ein Anstieg von +10,35% zu Ende 2008.

Rohstoff-Derivate schrumpften nun moderat weiter, um -2,4% zum Vorhalbjahr, auf ein ausstehendes Volumen von 3,729 Billionen Dollar. Zum Vorjahreshalbjahr brachen die Rohstoffwetten dramatisch ein, um -71,8% von 13,229 Billionen Dollar! Rohstoffspekulation scheint bei den großen Playern nicht mehr angesagt zu sein, da politisch wohl nicht mehr opportun, denn an der notwendigen Liquidität dafür dürfte es ja nicht scheitern.

Aktien-Derivate kletterten auf ein Volumen von 6,619 Billionen Dollar, ein Anstieg von +7,5% gegenüber Ende 2008.

Der Bruttomarktwert (Gross Market Value) der OTC-Derivate, welcher den Wiederbeschaffungswert bzw. die Wertänderung aller bestehenden Verträge anzeigt, sinkt kräftig um -21,3% im Vergleich zu Ende 2008 auf 25,372 Billionen Dollar. Der Wert der Wetteinsätze bei den Kreditderivaten fiel noch stärker, um -41,6% gegenüber Ende 2008.

> Der gesamte Bruttomarktwert aller Derivate schrumpfte zwar kräftig, ist aber immer noch auf dem zweithöchsten Volumen was je in einem Halbjahr gemessen wurde. <

Nach Ansicht des Analysten Alexander Yavorsky von Moody’s, ist das Absinken des Wiederbeschaffungswertes der Derivate und damit eines verringerten systemischen Risikos nicht strukturelle Veränderungen zu verdanken, sondern den begrenzten Effekten aus den drastisch gesunkenen Fremdkapitalkosten. Im 1. Halbjahr 2009 war der Interbankenzins (London Interbank Offered Rate – LIBOR) um -58% gefallen und im Zuge dessen fielen auch die Spreads von Credit Default Swap Indizes um -15% in Nordamerika und um -28% in Europa!

Nach Logik der Derivate-Akteure überzeichnet das ausstehende nominale Volumen von 604,622 Billionen Dollar an OTC-Derivaten das Risiko, denn der Bruttomarktwert bzw. die Wertveränderung zeigt das eigentliche Risiko aus den Kontrakten an (25,372 Bio. Dollar) und selbst dieses reduziert sich durch das sogenannte Netting, dem gegenseitige Aufrechnen der Verbindlichkeiten, laut BIS, auf 3,744 Billionen Dollar im 1. Hj. 2009, nach 4,555 Billionen Ende 2008.

Diese Sichtweise geht von optimal funktionierenden Märkten aus. Das Kontrahentenrisiko ist komplex und die Verflechtung der Verbindlichkeiten intransparent. Im Falle illiquider Märkte und dem Ausfall einer Gegenpartei, gerade bei den Kreditderivaten, ist diese Sicht nicht haltbar. Vor allem die Konzentration auf wenige Player im Derivate-Casino erhöht das Risiko. Dies dokumentiert auch der Herfindahl-Index der BIS, der das Maß für die Marktkonzentration anzeigt. Noch deutlicher macht dies der Quartalsbericht des US-Rechnungshofes (Comptroller of the Currency, OCC’s) für das 2. Quartal 2009, gemäß diesem beträgt das nominale ausstehende Derivate-Volumen aller US-Banken gewaltige 203,460 Billionen Dollar. 96,6% dieser monströsen nominalen Wetten konzentrieren sich in der Hand von 5 Banken:

> Ein Wettvolumen von 196,538 Billionen Dollar in der Hand von 5 US-Banken im 2. Quartal 2009! Quelle Daten: PDF Occ.treas.gov <

Im OTC-Derivate-Markt findet unverändert ein außerbörslicher unregulierter und nicht standardisierter Handel mit Derivaten statt. OTC-Derivate sind verbriefte Wetten zweier Kontraktparteien über die zukünftige Entwicklung von Zinsen, Währungen, Rohstoffen, Unternehmen, Anleihen, Kreditverbriefungen, Aktien und anderen handelbaren Finanzinstrumenten. Derivate, ursprünglich als Instrument zur Absicherung von Risiken geschaffen, waren das dynamischste Wachstumssegment an den globalen Finanzmärkten und zugleich zu einem großen Risiko für das gesamte Finanzsystem mutiert. Kreditderivate hatten ein effizienteres Verteilen von Risiken und damit auch die Reduzierung des aggregierten Risikos innerhalb einer Volkswirtschaft zum Ziel. Das Ergebnis war jedoch ein riesiger Kreditrisikenverschiebebahnhof, bis zur Unkenntlichkeit wurden Risiken verschoben und dienten vor allem denen die die eingegangenen Risiken nicht tragen wollten!

Die Derivate dokumentieren auch die ungehemmte Entkopplung des Finanzmarktes von der Realwirtschaft. Das exponentielle Wachstum dieser “Werte” birgt ein systemische Risiko in sich. Die nominale Summe aller erwirtschafteten Waren, Güter und Dienstleistungen der Welt (Welt-BIP) betrug in 2008 60,689 Billionen Dollar. Das aktuell ausstehende Volumen an OTC-Derivaten beträgt das 10-fache des Welt-BIPs! Selbst der Bruttomarktwert aller offenen Derivate-Positionen mit 25,372 Billionen Dollar entspricht noch 41% des Welt-BIPs! Das Netting der OTC-Derivate, das potentielle Restrisiko nach dem gegenseitigen Aufrechnen mit 3,744 Billionen, beträgt 150% des nominalen deutschen BIPs aus 2008 mit 2,4958 Billionen Euro!

Signifikant hat sich nichts im Finanzsystem geändert, munter geht es weiter gespeist durch die laxe Geldpolitik der Notenbanken, deren Zinssätze nicht im Ansatz die Risiken des Finanzsystems adäquat abbilden und einer direkten Aufforderung zum spekulativen Handeln gleichkommen.

Quelle Daten: PDF Bis.org

Querschuesse-Forum

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

Quelle: Querschüsse

Comments are closed.



Get Adobe Flash playerPlugin by wpburn.com wordpress themes