Die Derivate kommen wieder und was das bedeutet

Erst einmal ein paar Klarstellungen. Derivate sind Finanzwetten, die ursprünglich nur der Absicherung von Kredit-, Zins- und Währungsrisiken durch Gegengeschäfte dienten und dort ihren guten Sinn machten. Allerdings werden sie zunehmen rein spekulativ eingesetzt, so daß z.B. für oder gegen den Ausfall von Forderungen gewettet wird, ohne daß das wettende Institut die Forderung überhaupt besitzt. Das besondere Problem liegt in der Vertraulichkeit solcher Wetten, die zum größten Teil nicht in Börsen sondern über den Ladentisch („over the counter” oder „OTC”) abgeschlossen werden. Dadurch wächst die Gefahr, daß die gleichen Risiken konzentriert bei dem gleichen Versicherer versichert werden, ohne daß den Beteiligten die Risikokonzentration bewußt ist. So mußte der große amerikanische Verisicherungskonzern AIG mit Steuerzahlergeld in USA gerettet werden, weil er einer der größten globalen Versicherer von Forderungen war. Auch die Deutsche Bank ist sehr stark in diesem Absicherungsgeschäft engagiert.

Von den Finanzwetten sind die synthetischen Papiere zu trennen, mit denen Forderungen international handelbar werden, wie die berüchtigten minderwertigen amerikanischen Hypotheken. Hier ist die Finanzkrise ausgelöst worden, nicht jedoch bei den Derivaten. Die Banken, die diese Papiere hielten und halten, hatten sich nicht abgesichert, sondern auf die Werthaltigkeit dieser Papiere gebaut und sich dabei verhoben.

 

 

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die als Bank der Banken arbeitet und dabei ständige Analysen und Statistiken liefert, hat jetzt die Daten für die Derivate per Ende Juni 2009 veröffentlicht. Danach haben sie den Einbruch des zweiten Halbjahres 2008 überwunden und rangieren wieder bei 605 Billionen Dollar oder dem 42-Fachen der Wirtschaftleistung der USA in 2008. Das ist ein gewaltiger Betrag, doch sind viele dieser Wetten mehrfach und müssen saldiert werden, um das reale Risiko zu bestimmen. Das liegt dann “nur” bei 25 Billionen Dollar.

 

 

Der weitaus größte Teil der Wetten von fast drei Vierteln werden auf die Zinsentwicklung abgeschlossen, weitere 8 % auf die Entwicklung der Währungen und nur 6 % sind Wetten auf den Ausfall von Forderungen, sogenannte Credit Default Swaps.

 

George Soros hat die CDS einmal in einem dramatischen Appell als ein Damokles-Schwert über den Finanzmärkten bezeichnet. Mit 36 Billionen Dollar Nominalwert oder 3 Billionen Bruttomarktwert sind sie in der Tat groß genug, um zu Kettenreaktionen zu führen, wenn ein großer Versicherer wirklich einmal zusammenbrechen sollte. Derzeit bemühen sich die Regierungen und die Beteiligten das Risiko aus Derivaten und vor allem aus CDS in den Griff zu kriegen, was kaum möglich sein wird. Vor allem soll der Handel mit Derivaten transparent über Börsen abgewickelt werden. Auch wurde ein Teil der Risiken saldiert und heruntergefahren. Leider wird hier sehr viel von Laien durcheinandergeworfen. Vor allem werden die Derivate zu Unrecht für die derzeitige Finanzkrise verantwortlich gemacht, obwohl dieses Damoklesschwert noch hängt.

 

So verlangte der Kommentator der Financial Times Deutschland Wolfgang Münchau am 8. Dezember ein Verbot der Derivate:

 

Es sei einer der großen Skandale unserer Antikrisenpolitik, dass wir an dieser Stelle vor den Banklobbyisten einknickten. Diese Produkte seien zutiefst asozial, nicht weniger asozial als eine hypothetische Brandschutzversicherung auf des Nachbarn Grundstück. Nur sei das bei den CDS zumindest für die breite Öffentlichkeit nicht so klar. Diese Produkte seien technisch kompliziert. Sie seien nur deswegen nicht kriminell, weil es keine konkreten Strafgesetze gebe, die das Handeln mit diesen Produkten untersagten. Aber sie verstießen genauso gegen das Strafrechtsverständnis moderner Gesellschaften wie Bernie Madoffs Schneeballsystem. Die CDS spielten in der jüngsten Finanzkrise eine wichtige Rolle. Denn die Banken hätten mit diesen Produkten einen Großteil ihres Kreditrisikos abgesichert – oder, wie sich herausstellt, eben nicht abgesichert. Vor der Krise sei fast das gesamte Kreditausfallrisiko der Welt in einem einzigen Unternehmen gebündelt gewesen – einer Tochtergesellschaft des Versicherungskonzerns AIG.

 

Leider hat Münchau da einiges zusammengeworfen und offensichtlich auch nicht verstanden. Er kann die Derivate doch nicht dafür verantwortlich machen, daß die Banken sie nicht benutzt hätten – ein wirklich bodsinniges Argument. Er unterscheidet auch nicht die 6 % CDS-Derivate von den übrigen 94 %.

 

Gegen die Absicherung von Kreditforderungen wird man nichts einwenden können, zumal wenn der Gläubiger damit sein Risiko begrenzen will. Das mag dann zwar zu einem leichtsinnigen Umgang mit den Forderungen führen und manche Bank mag im Vertrauen auf die Absicherung eine Forderung nicht länger stunden und damit ein Unternehmen in die Pleite treiben. Doch wie will man das unterbinden? Auch werden versicherte Risiken ebenso in anderen Wirtschaftsbereichen mal auf die „leichte Schulter” genommen. Wichtig ist jetzt wirklich, die Transparenz durchzusetzen, damit Risikokonzentrationen bei den gleichen Versicherern zurückgehen. Sonst fällt das Damoklesschwert doch noch mal.

 

Dieser Text stammt aus dem lesenswerten Newsletter von Joachim Jahnke:

http://www.jjahnke.net/

 

 

 

Joachim Jahnke: Die zweite Grosse Depression – wo die Krise herkomm – wo sie hinführt – was tun? Shaker-media, 2009. 180 S. 94 Abb. € 14.95


Quelle: Zeitpunkt.ch: Aktuelle News

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