Wir riestern uns arm

Deutschland ist das Land der künftigen Riester-Rentner! Mit fast dreizehn Millionen abgeschlossenen Verträgen ist die private Zusatzrente mit staatlichen Zuschüssen – vulgo Riester-Rente – rein quantitativ ein Erfolgsmodell. Qualitativ ist es um die Riester-Rente jedoch nicht so gut bestellt. Nicht nur, dass außer den Anbietern niemand von ihr profitiert, der nicht zu den Gesegneten gehört, die ein gar biblisches Alter erreichen werden – die Riester-Rente ist zudem Gift für die Konjunktur und ein Arbeitsplatzkiller, wie nun eine Untersuchung des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) herausfand.

A penny saved is not a penny earned

Eigentlich sind die Ergebnisse des IMK nicht sonderlich überraschend, sondern gar offensichtlich. Wenn Millionen Bundesbürger für 4% ihres Bruttolohns Finanzprodukte kaufen, deren Kapitalstock erst in zig Jahren verrentet ausgezahlt wird, so sinkt die Konsum-, und steigt die Sparquote. Und da ein Euro, der in ein riesterfähiges Finanzprodukt investiert wird, einen wesentlich schwächeren Impuls auf die heimische Konjunktur ausübt, als ein Euro der ausgegeben wird, hat das Riestern negative Folgen für die Konjunktur. Diesen Zusammenhang bestreiten eigentlich nur noch überzeugte Marktfundamentalisten und „Experten“, die auf der Payroll der Finanzinstitute stehen. Neu an den Untersuchungen des IMK ist jedoch, dass die Ökonomen mittels eines Rechenmodells erstmals die negativen Folgen beziffern können.

Für die Simulation betrachteten die Forscher zwei Szenarien. Das erste Szenario beschreibt dabei die Realität mit Riester-Rente. Im zweiten Szenario wurde hingegen unterstellt, dass das alte Modell der Umlagerentenversicherung erhalten bleibt und die steigenden Beiträge paritätisch von Arbeitnehmern und Arbeitgebern übernommen werden. Vor allem die deutlich höhere Sparquote und der damit verbundene Konsumrückgang durch Riester haben – so ergaben die Untersuchungen – massive Auswirkungen auf andere Faktoren. Die Zahl der Arbeitsplätze nimmt beispielsweise durch Riester um eine halben Prozentpunkt ab, während die Bruttolohn und –gehaltssumme sogar um einen ganzen Prozentpunkt fällt. Kombiniert mit dem schwächeren Konsum ergibt dies einen Rückgang von 0,8 Prozentpunkten beim Bruttoinlandsprodukt.

Wir rechnen uns schön

Viel wurde gerechnet, geschönt und verbogen, bis man die private Zusatzrente als Alternative zur gesetzlichen Rente aufgeplustert hatte. Die Rürup-Kommission kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass das Bruttorentenniveau der gesetzlichen Rente bei einzuhaltender Zielvorgabe des Versicherungssatzes bis 2030 um bis zu 6,4% sinken wird. Diese Lücke sollte die Riester-Rente füllen und unter realitätsfern optimistischen Annahmen tut sie dies auch. Für den Rentner springt allerdings dennoch nichts dabei heraus, da diese Lückenfüllung durch die eingeführte nachgelagerte Versteuerung der Renten nahezu komplett wieder in den Steuersäckel geht. Selbst unter optimistischsten Bedingungen hat der Rentner also inklusive Riester-Rente genauso viel oder wenig wie nach dem alten Umverteilungsmodell. Dafür zahlt er aber zeitlebens wesentlich höhere Beiträge. Nach den Prognosen der Wirtschaftsweisen müsste ein Umlagesystem bis zum Jahre 2030 mit einem Versicherungsbeitrag von 25% finanziert werden – bei paritätischer Finanzierung müsste die jüngere Generation demnach 12,5% ihres Gehalts abführen. Für das Riester-Modell ist ein Höchstsatz von 22% bis zum Jahre 2030 vorgesehen – davon 11% für den Arbeitnehmer. Zusätzlich „muss“ er jedoch 4% seines Lohns für die Riester-Rente abführen, also insgesamt 15%. Wer also behauptet, das „alte“ System würde die Beitragszahler – also die Jungen – stärker belasten, der spricht ganz offensichtlich die Unwahrheit aus.

Halbwegs einnahmenneutral ist die Riester-Rente hingegen nur unter besonderen Prämissen. Die Rürup-Kommission geht beispielsweise von einer Durchschnittsrendite von stolzen 4% pro Jahr aus. Weiterhin wird ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 1,7%, eine Inflationsrate von 1,5%, Lohnsteigerungen von nominal 2,9% und eine Produktivitätssteigerung von 1,8% unterstellt. Dies ist eine rosarote Welt des nimmer endenden Wachstums ohne Krisen und ohne besondere Vorkommnisse. Seriös ist diese Modellrechnung keinesfalls. Die Deutsche Bank geht beispielsweise von einem erzielbaren Kapitalmarktzins von 2,25% für private Rentenprodukte aus. Allein diese Differenz ließe bei der privaten Altersvorsorge eine Nettolücke von 10 bis 15% entstehen. Es ist immer schwer, so weit in die Zukunft zu schauen – aber allzu optimistische Rechenmodelle machen aus dem hässlichen Entlein Riester-Rente noch lange keinen schönen Schwan. Denn für die Riester-Rentner ist die Rendite selbst unter den optimistischsten Bedingungen mehr als enttäuschend.

Alt wie ein Baum

Wenn ein normaler Aktienfonds 13% der Einnahmen als Verwaltungsgebühren anrechnen würde, so wäre er binnen kürzester Zeit pleite, da niemand dieses überteuerte Produkt kaufen würde. Ganz anders sieht dies bei fondsgebundenen Riester-Produkten aus. Verwaltungsgebühren im zweistelligen Prozentbereich sind dort keinesfalls die Ausnahme. Wenn ein treuherziger Bürger also Monat für Monat 100 Euro überweist, werden bei bestimmten Produkten nur für 87 Euro Finanzanlagen gekauft, von deren Rendite später einmal die Rente ausbezahlt werden soll. Da sich die vertraglich garantierte Mindestauszahlung aber nicht auf die Gebühren erstreckt, kann es dem Riester-Rentner bei einem solchen Vertrag durchaus passieren, dass er selbst unter ansonsten besten Bedingungen später weniger ausbezahlt bekommt, als er eingezahlt hat. Ein garantiertes Minusgeschäft wird die Riester-Rente zudem für alle, deren Lebenserwartung „normal“ oder gar „gering“ ist.

Mit Ablauf der Einzahlungen errechnet sich bei Riester-Produkten nämlich ein virtuelles Vertragsvermögen, das im Normalfall verrentet (also Monat für Monat) ausbezahlt wird. Verstirbt der Rentner, fällt dieses virtuelle Vermögen an den Anbieter. Bei der Höhe der monatlichen Auszahlung ist daher die Lebenserwartung der Rentner von ganz besonderer Bedeutung – für die Konzerne aber auch für die Rentner. Bei der Riester-Rente gehen die Anbieter jedoch von einer geradezu biblischen Lebenserwartung von stolzen 98 Jahren aus! Die versprochene Rendite bezieht sich also auf die kumulierte Auszahlung bis ins 98. Lebensjahr. Die horrende Differenz zu den Sterbetafeln des Statistischen Bundesamts erklärt die Versicherungswirtschaft übrigens mit dem Umstand, dass Riester-Renter gesünder, wohlhabender und damit langlebiger als „Normalbürger“ seien – was für ein Hohn. Jeder Riester-Rentner, der keine 98 Jahre alt wird, erhält somit weniger als die versprochene Rendite. Risikogruppen, wie Männer, Raucher oder Übergewichtige, die rein statistisch nur in den allerseltensten Fällen 98 Jahre alt werden, haben von vorn herein verloren. Sie können sich bereits darauf einstellen, dass sie bei einer Riester-Rente mehr einzahlen, als sie ausbezahlt bekommen.

Selbst unter optimalen Bedingungen rechnet sich die Riester-Rente – verglichen mit anderen Altersvorsorgemaßnahmen – aufgrund der staatliche Zuschüße nur für Geringverdiener mit möglichst vielen Kindern. Wenn sie dann noch weibliche, schlanke Nichtraucher sind, könnte sich der Riester-Vertrag als Glücksgriff entpuppen. Doch halt – auch hier steckt der Teufel im Detail. Die private Zusatzrente wird nämlich als Einkommen gezählt, das gegen eine mögliche Grundsicherung verrechnet wird. Die Grundsicherung droht derweil nicht nur Hartz IV-Empfängern. Eine Modellrechnung der Deutschen Rentenversicherung hat ergeben, dass auch ein Durchschnittsverdiener, der im Jahre 2030 in Rente geht und nicht mehr als 32 Jahre lang voll in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat, in die Grundsicherung fallen wird. Die gesunde Geringverdienerfrau mit den vielen Kindern wird demnach zwar eine rentable Riester-Rente bekommen – diese Leistungen werden ihr allerdings 1:1 von der Grundsicherung abgezogen, so dass sie in toto genauso viel oder wenig Rente bekommen wird wie ohne Riester-Vertrag. Bei der Riester-Rente gibt es nur einen Gewinner und dies sind die Anbieter, für Kunden ist dieses Modell in nahezu jedem denkbaren Fall unattraktiv. Das alleine wäre schon ärgerlich – skandalös ist allerdings, dass die Anbieter auch noch mit Steuergeldern subventioniert werden und die gesetzliche Umlageversicherung für die Riester-Rente ruiniert wurde.

Der systemisch falsche Ansatz

Die kapitalgedeckte Altersvorsorge hat jedoch auch einen systemischen Fehler, der weit über die Ungerechtigkeiten der Riester-Rente hinausgeht. Wenn alle Bürger in den OECD-Staaten privat für ihr Alter vorsorgen würden, wäre eine so immense Summe auf den Kapitalmärkten, dass dies die größte aller je vorstellbaren Finanzblasen wäre. Es gibt schlichtweg nicht soviel Möglichkeiten, Geld vernünftig anzulegen, als dass man diese Ozeane an Kapital sinnvoll einbetten könnte. Systemisch betrachtet, kann die Rendite in einem geschlossenen System nie höher sein als die Lohnsteigerungen, der Produktivitätszuwachs oder das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Daher ist es an der Zeit, umzudenken. Wenn man denn die Beitragssätze für die Umlageversicherung niedrig halten will, so kann man die Differenzen ohne weitere Probleme aus Steuermitteln decken – freilich müsste man dann die Steuern erhöhen und nicht senken. Die Steuereinnahmen orientieren sich à la longue an der wirtschaftlichen Entwicklung und wären damit der perfekte Gradmesser für die Rentenfinanzierung. Aber bei einem solchen System müssten Besserverdiener mehr zahlen als Geringverdiener und die Finanzindustrie könnte keine Profite machen – beides sind heutzutage leider Ausschlusskriterien.

Jens Berger


Quelle: Der Spiegelfechter

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